Interview mit Francesco Marrella anlässlich des Erhalts seines 7. Dans

Lieber Francesco

ich gratuliere Dir herzlich zu Deiner 7. Dan Graduierung und zur Verleihung des Shihan Titels seitens des Hombu Dojo Tokyo.

Hier ein paar Fragen:

Was hat dich zum Aikido gebracht und warum bist Du so lange dabeigeblieben?

Ich habe am 5. Mai 1971 in der Schweiz mit Judo begonnen. Ein Jahr später gab es in unserem Judo Dojo in Wohlen eine Aikido-Vorführung. Die schönen Aikido-Kleider, der Hakama erinnerte mich an Italien, wo ich diese Sportart zufällig sah und mich damals schon die Kleidung und die grazielen Bewegungen sehr beeindruckt hatten. Wegen der Kleidung, ich war Schneider und ein solcher Hakama ist für Kleidungsprofis schon sehr beeindruckend. Der Hakama ist ein Hosenrock und hat sieben Falten. Ab der ersten Dan Graduierung im Aikido darf der Hakama getragen werden.

Dann haben die Judotrainer, vor allem Harald Wölfle, entschieden das Aikido neben dem Judo zu trainieren und ein fester Bestandteil des Clubs in Wohlen werden zu lassen. Von diesem Augenblick an war ich dabei. Sporadisch kamen damals Aikido-Trainer vorbei und lehrten uns die Grundlagen des Aikidos. Ansonsten gab es drei vier Stages im Jahr; zweimal mit Sensei Tamura sowie Sensei einmal mit Sensei Assai und Sensei. Dies blieb so bis 1976. Da wir keinen festen Trainer hatten der eine klare Richtung vorgab, sank damals die Motivation etwas. Genau in dieser schwierigen Zeit (1977) wurde vom Hombu Dojo in Tokyo ein Japanischer Shihan in die Schweiz beordert, um das Aikido zu leiten und zu verbreiten.

Als ich diesen Shihan Sensei Masatomi Ikeda das erste Mal traf und mit ihm sprach, entdeckten wir eine grosse Gemeinsamkeit, die italienische Sprache. Sensei Ikeda war sich der deutschen Sprache nicht mächtig, konnte aber durch einen längeren Italienaufenthalt sehr gut italienisch. So sassen wir sehr viel nebeneinander, damit ich ihm übersetzen und er sich mit jemandem verständigen konnte. So bekamen wir sehr schnell ein vertrautes Verhältnis. Natürlich war ich auch sehr stolz als einfacher Mann neben diesem grossen Meister, welcher damals neben dem 6. Dan Aikido auch den 4. Dan Sumo und den 4. Dan Judo besass, sitzen zu dürfen.

So verstand ich vielmals die Dinge die er ansprach vor allen anderen. Durch die sprachliche Gemeinsamkeit hatte ich also einen kleinen Vorteil. Und die Art und Weise wie wir mit ihm trainierten und wie er uns lehrte gefiel mir sehr.

Von dieser Zeit an wusste ich ganz genau, dass mein Lebensweg eng mit Aikido verbunden sein würde und ich es nicht mehr aufgeben wollte. 1980 erhielt ich von Masatomi Ikeda den ersten Dan Aikido zusammen mit Harald Wölfle in Lebrassu am Ende eines Stages mit Sensei Tada.

Seither bin ich mehr den je an allen Trainings und allen Stages mit dabei und trainiere bis heute mit grosser Begeisterung Aikido.

Warum machst Du Aikido?

Nach vielen Jahren Training kann ich aus langer Erfahrung erzählen.

Für mich ist Aikido eine organisierte Reise, wo alle Freunde sind. Wo man Lachen kann und Spass machen kann, aber mit gegenseitigem Respekt. Dies ist für mich sehr wichtig.

Du hast immer viel menschlichen Kontakt und viel Kommunikation auf allen Ebenen.

Die Bewegungsabläufe sind natürlich und für den Körper und den Geist sehr angenehm.

Was ist für Dich Aikido?

Harmonie, Dialog, Respekt, Etikette, Regeln.

Aikido ist ein Lebensprozess, es verändert den Menschen. Aikido ist ein einfacher und natürlicher Weg, welcher Gesundheit und Geisteskraft stärkt über Entspannung, Uebung. Aikido stärkt die Art zu Kommunizieren mit Menschen. Auch ein wichtiger Aspekt ist die Regeln zu akzeptieren und sich einzuverleiben. Diese Regeln, so ganz Japanisch sind natürlich anders als wir es uns gewöhnt sind.

Was unterscheidet Aikdo von anderen Kampfsportarten?

Die Bedeutung des Wortes Ai-Ki-Do erklärt hier schon fast ganz.

Ai ist Harmonie, mit den Menschen, mit der Natur, mit dem Universum. Ki ist Lebenskraft, die wir erhalten von der Natur und dem Universum, wenn wir uns damit vereinen. Dies spürt man vielleicht nach langen Jahren intensivem Training. DO ist der Weg und hat auch mehrere Bedeutungen. Eine klare Linie, den Weg zusammen mit anderen Menschen zu gehen. Und schlussendlich ist nicht das Ziel die Hauptsache sondern das Do – der Weg.

Somit gilt es hier nicht zu gewinnen. Es gibt keinen Kampf mit Siegern. Es ist die Suche nach dem Weg des Friedens und der Stärke. Frieden mit sich selber und der Welt. Nicht zu verlieren aber auch nicht den andern besiegen zu müssen. Die Suche nach dem Selbst.

Was bedeutet für Dich dieser 7. Dan? Und Shihan?

Heute ist es noch schwer zu sagen. Ich bin es noch nicht lange.

Ich bin natürlich sehr, sehr zufrieden und habe viel Freude daran. Als ich begonnen hatte, dachte ich nicht mal im kühnsten Traum daran einmal eine solch grosse Auszeichnung zu erhalten.

Warum ich hier angelangt bin sollte eine gute Motivation an alle Anfänger und Aikidokas sein, weiterzumachen und regelmässig die Trainings und die Stages zu besuchen. Nur durch Uebung kommt man im Leben weiter und kann etwas erreichen. Ich habe während all den Jahren an fast keinem Wochen- oder Wochenendstage gefehlt. Und in Wohlen bin ich seit Beginn an in jedem Aikido-Training anwesend. Man kann die Trainings an einer Hand abzählen, an denen ich nicht da war um zu Trainieren zu Ueben und auch zu Lehren.

Es war und ist mein Leben, mein zweites Zuhause.

Shihan im Aikido erhält man von einer Kommission Namens Kagamibiraki. , ist der Enkelsohn Osensei, der Begründer des Aikidos Doshu Moriteru Ueshiba auch anwesend.

Es zeigt die Qualität eines Lehrers auf höchstem Rank, ist aber kein Diplom. Dieses Shihan Zertifakt bekommen normalerweise 7. Dan Grade, wenn für sie danach gefragt wurde. Ich kann also nichts dafür. Im Japanischen Budo allgemein ist dieser Titel bekannt.

Wer war Dein Meister und Vorbild?

In den Anfängen war der erste Eindruck von Sensei Tamura, welchen ich auch als ersten grossen Meister zu Gesicht bekam. Er beindruckte mich sehr mit seiner Vitalität und Geschwindigkeit, wie er die Ukes (Angreifer) weit weg warf mit einer Leichtigkeit und Gewandtheit. Dies war für mich damals unglaublich Eindrucksvoll.

Im folgenden beeindruckten mich viele andere Meister sehr. Jeder war für sich anderes und eigen. Ich zähle sie hier nicht einzeln auf.

Dann kam Sensei Masatomi Ikeda. Er klärte von Anfang bis Ende die Techniken, Schritte und Vorgänge genau und detailliert. Auch durfte man ihn fast alles fragen und bekam eine Antwort darauf. Dies war bei den anderen Meistern undenkbar.

Masatomi Ikeda begleitete mich gegen 25 Jahre bei meinem Aikido-Weg. Er lehrte uns auch Hojo, eine uralte Kampfkunst aus dem 16. Jahrhundert Japans, welche ich über 15 Jahre beim ihm trainierte. Ohne ihn stände ich jetzt wohl nicht hier wie ich bin. Dank ihm konnte ich meinen Weg gehen und dieses Verständnis für das Aikido gewinnen, das ich jetzt täglich ausübe. Dafür bin ich ihm bis heute sehr, sehr dankbar. Leider erkrankte Sensei Masatomi Ikeda 2002 sehr schwer und wir mussten ohne ihn weitergehen.

Ich telefoniere regelmässig mit Masatomi Ikeda und habe ihn auch schon besucht in Japan. Ich freue mich immmer sehr auf die Gespräche mit ihm.

Was möchtest Du uns Aikidokas mitgeben?

Ich hatte immer wirklich grosse Freude Aikido zu trainieren. Dies ist immer mein grosser Antrieb gewesen und auch heute als Lehrer will ich versuchen die Aikidokas mit dieser Freude anzustecken . Ich versuche alles zu geben was ich gelernt habe und was ich weiss. Die Harmonie und die Menschlichkeit.

Ueben, üben, dabei sein und nie genug haben. Für mich ist der Aikido-Weg ein Weg für das ganze Leben.

Was ist deine Tätigkeit für das Aikido?

Ich war ständig unterwegs im In- und Ausland. Mit vielen meiner Aikidofreunden besuchten wir regelmässig Stages z. B. In Coverchano, Firenze, Milano wo wir unter der Leitung der grossen Aikido Meister trainierten und lernten.

Selber habe ich einige Stage im Ausland gegeben. Ich reise überhaupt nicht gerne. Somit gebe ich vor allem hier in der Schweiz seit vielen Jahren regelmässig Stages.

Wie ich erwähnt habe bin ich an allen Trainings im JAC Wohlen im Aikido anwesend. Ich leite Trainings aber ich trainiere regelmässig mit und unterstütze da wo es nötig ist.

Dies ist meine Tätigkeit.

Vielen dank für das Gespräch lieber Francesco

Interview von Stefan Benz am 24.1.18 mit

Francesco Marrella anlässlich seines 7. Dan (Hombu Dojo Tokyo)